Gedichte-Lyrik-Poesie

Gedichte und Texte über Sprache, Dichtkunst, Poesie,
Lautmalerei - und Poetik.

Der Geist offenbart sich
durch die Blicke und die Worte
Denn die Seele ist unsere Bleibe,
unsere Augen sind ihre Fenster
uns unsere Lippen ihre Boten. Khalil Gibran, 1883-1931

Die deutsche Kunst

Einst wohnte sie in einem Märchenwalde,
Von Fabeltieren war ihr Schloß bewacht
Das lag auf einer sonnbeglänzten Halde,
Und ringsum war der Tannenforste Nacht.

Gar selten mochte einem es gelingen,
Der eines unerschrocknen Sinnes war,
Zu ihrem Märchenschlosse durchzudringen.
Die Menge scheute Mühe und Gefahr.

Doch durfte nun der Tapferste sie schauen,
War keiner froher auf dem Erdenrund,
Denn ihn umfing die holdeste der Frauen
Und küßte lächelnd Stirne ihm und Mund.

Nun ward es anders, hört' ich neulich melden,
Die deutsche Kunst zog aus dem Märchenwald
Und kam nach Norden zu den Schnurrbarthelden,
Wo alle Wochen eine Rede knallt.

Sie geht zu Hofe mit geschminkten Wangen,
Wo sie verlogne Schmeichelworte sagt,
In einer Laune gnädiglich empfangen,
In einer Laune wieder fortgejagt. - Ludwig Thoma, 18657-1921

Ode an Apoll - Conrad Celtis
Die deutsche Muse - Friedrich von Schiller
Über die Kunst - Friedrich von Schiller

Trennt ihr vom Inhalt die Form, so seid ihr nicht schaffende Künstler.
Form ist vom Inhalt der Sinn, Inhalt das Wesen der Form.
(Hugo von Hofmannsthal, 1874-1929)

Die Kunst ist die irdische Schwester ihrer himmlischen, der Religion. Sie hat die Erscheinungen und Beziehungen des Erdenlebens vom Gesichtspunkte des Schönen und Edlen aus darzustellen und dadurch dahin zu wirken, daß dieses Edle und Schöne sich am Menschen aus dem Ideale zur Wahrheit entwickele. Sie ist also neben der Religion die berufenste Lehrerin des Menschengeschlechtes. Karl Friedrich May, 1842-1912

Sprache und Kunst

Sprache
Wer sich zu dichten erkühnt und die Sprache verschmäht und den Rhythmus,
Gliche dem Plastiker, der Bilder gehaun in die Luft!
Nicht der Gedanke genügt; die Gedanken gehören der Menschheit,
Die sie zerstreut und benutzt; aber die Sprache dem Volk:
Der wird währen am längsten von allen germanischen Dichtern,
Der des germanischen Worts Weisen am besten verstand.
August von Platen, 1796-1835

Genie und Kunst
Wen wahrhaft die Natur zum wirklichen Dichter gebildet,
Der wird emsig und voll Eifers erlernen die Kunst:
Nicht, weil nie er die Kunst ausgrübelte, stümpert der Stümper,
Nein – weil ihm die Natur weigert den tiefen Impuls.
August von Platen, 1796-1835

Unsere Sprache - Friedrich Rückert
Die Sprache - Friedrich Gottlieb Klopstock
Grammatische Deutschheit - Friedrich Rückert
Im Reich der Interpunktionen - Christian Morgenstern
Die fremde Sprache - Theodor Storm
Freie Kunst - Ludwig Uhland
Art poétique - Paul Verlaine
Wort-Kunst - Christian Morgenstern
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren - Novalis
Malers Morgenlied - Joseph Freiherr von Eichendorff
Bittschrift - Friedrich von Schiller

Farbenstäubchen auf der Schwinge
Sommerlicher Schmetterlinge
Flüchtig sind sie, sind vergänglich
Wie die Gaben, die ich bringe,
Wie die Kränze, die ich flechte,
Wie die Lieder, die ich singe:
Schnell vorüber schweben alle,
Ihre Dauer ist geringe,
Wie ein Schaum auf schwanker Welle,
Wie ein Hauch auf blanker Klinge.
Nicht Unsterblichkeit verlang ich,
Sterben ist das Los der Dinge:
Meine Töne sind zerbrechlich
Wie das Glas, an das ich klinge. — August von Platen, 1796-1835

Poesie

Poesie ist wie ein Duft, der sich verflüchtigt
und dabei in unserer Seele die Essenz der Schönheit zurückläßt.
Die Poesie ist die Aussicht aus dem Krankenzimmer des Lebens.
Jean Paul, 1763-1825

Poesie ist tiefes Schmerzen,
Und es kommt das echte Lied
Einzig aus dem Menschenherzen,
Das ein tiefes Leid durchglüht.

Doch die höchsten Poesien
Schweigen wie der höchste Schmerz,
Nur wie Geisterschatten ziehen
Stumm sie durchs gebrochne Herz. – Justinus Kerner, 1786-1862

poésie - Alphonse Mucha Poesie (Alphonse Mucha)

Die Poesie

Die Poesie, die Poesie,
Die Poesei hat immer Recht,
Sie ist von höherer Natur,
Von Übermenschlichem Geschlecht.

Und kränkt ihr sie, und drückt ihr sie,
Sie schimpfet nie, sie grollet nie,
Sie legt sich in das grüne Moos,
Beklagend ihr poetisch Loos!

Friederike Kempner, 1836-1904

"Die Poesie hat ihre Höhepunkte, wenn sie dem Menschen Geheimnisse offenbart, die in ihm liegen und von welchen er ohne sie nur ein dumpfes Gefühl hätte." - Jacob Burckhardt, 1818-1897

Die Poesie - Johann Wolfgang von Goethe
Geschichte der Poesie - Novalis
Poesie - Annette von Droste-Hülshoff
Poesie - Justinus Kerner
Das Bilderbuch - Joseph, Freiherr von Eichendorff
Gedichte - Johann Wolfgang von Goethe
Der Reim - Karl Kraus
Pegasus im Joche - Friedrich von Schiller
Wünschelrute - Joseph Freiherr von Eichendorff
Poesie und Liebe - Theodor Körner

"Die Poesie in allen ihren Zungen
ist dem Geweihten eine Sprache nur,
die Sprache, die im Paradies erklungen,
eh` sie verwildert auf der wilden Flur."

Was einen Dichter macht? das hohe Serlbstgefühl
Und fröhliche Vertraun im bunten Weltgewühl.
O Freund, mir kam allbeides fast abhanden,
Nicht durch Unbilden, die ich reichlich selbst bestanden;
Was einem widerfuhr, der größer ist als ich,
Und ohne den ich selbst nicht wäre, kränket mich:
Daß Goethe werden darf mißhandelt ungerochen,
Das hat mein Selbstgefühl und Weltvertraun gebrochen - Friedrich Rückert

Wir Lyriker
Warum wir immer noch Verse schreiben?
Um unbekannt und ungestört zu bleiben. — Christian Morgenstern, 1871-1914

the poet "the poet" © by Christine P.Newman, Toronto

Der echte Dichter - Theodor Fontane
Dichterlos - Joseph, Freiherr von Eichendorff
Poetentod - Gottfried Keller
Am Himmelstor - Gustav Falke
The poet`s eye - William Shakespeare
Der Leser - Rainer Maria Rilke
Ein modernes Märchen - Christian Morgenstern
Visions and Ideals - James Allen - über Visionen und Ideale
Silentium - Fjodor Tjutchev
Adieux à la poésie - Théophile Gautier

Einem jungen Dichter in`s Album

Der Geist genügt sich überall,
Wo er in rechter Fülle ist,
Und schafft Genüge überall,
Wo er in rechter Hülle ist.

Der Weg liegt allen offenbar,
Doch schwer ist`s ihn zu wandeln,
Wie alle Weisheit leicht und klar,
Doch schwer danach zu handeln! - Friedrich Martin Bodenstedt, 1819-1892

Poesie ist Leben,
Prosa ist der Tod,
Engelein umschweben
Unser täglich Brod. - Friederike Kempner, 1836-1904

Ballade - Betrachtung und Auslegung

Die Ballade hat etwas Mysterioses, ohne mystisch zu sein; diese letzte Eigenschaft eines Gedichts liegt im Stoff, jene in der Behandlung. Das Geheimnisvolle der Ballade entspringt aus der Vortragsweise. Der Sänger nämlich hat seinen prägnanten Gegenstand, seine Figuren, deren Taten und Bewegung so tief im Sinne, daß er nicht weiß, wie er ihn ans Tageslicht fördern will. Er bedient sich daher aller drei Grundarten der Poesie, um zunächst auszudrücken, was die Einbildungskraft erregen, den Geist beschäftigen soll; er kann lyrisch, episch, dramatisch beginnen und, nach Belieben die Formen wechselnd, fortfahren, zum Ende hineilen oder es weit hinausschieben. Der Refrain, das Wiederkehren ebendesselben Schlußklanges, gibt dieser Dichtart den entschiedenen lyrischen Charakter.

Hat man sich mit ihr vollkommen befreundet, wie es bei uns Deutschen wohl der Fall ist, so sind die Balladen aller Völker verständlich, weil die Geister in gewissen Zeitaltern, entweder kontemporan oder sukzessiv, bei gleichem Geschäft immer gleichartig verfahren. Übrigens ließe sich an einer Auswahl solcher Gedichte die ganze Poetik gar wohl vortragen, weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern wie in einem lebendigen Ur-Ei zusammen sind, das nur bebrütet werden darf, um als herrlichstes Phänomen auf Goldflügeln in die Lüfte zu steigen.

Zu solchen Betrachtungen gab mir die »Ballade« des vorigen Heftes Gelegenheit; sie ist zwar keineswegs mysterios, allein ich konnte doch beim Vortrag öfters bemerken, daß selbst geistreich-gewandte Personen nicht gleich zum erstenmal ganz zur Anschauung der dargestellten Handlung gelangten. Da ich nun aber nichts daran ändern kann, um ihr mehr Klarheit zu geben, so gedenk ich ihr durch prosaische Darstellung zu Hülfe zu kommen.

Vers 1. Zwei Knaben, in einem alten waldumgebenen Ritterschloß, ergreifen die Gelegenheit, da der Vater auf der Wolfsjagd, die Mutter im Gebet begriffen ist, einen Sänger in die einsame Halle hereinzulassen.

Vers 2. Der alte Barde beginnt unmittelbar seinen geschichtlichen Gesang. Ein Graf, im Augenblick, da Feinde sein Schloß einnehmen, entflieht, nachdem er seine Schätze vergraben, ein Töchterchen in den Mantel gewickelt mit forttragend.

Vers 3. Er geht in die Welt unter der Form eines hülfsbedürftigen Sängers. Das Kind, eine schätzbare Bürde, wächst heran.

Vers 4. Das Hinschwinden der Jahre wird durch Entfärben und Zerstieben des Mantels angedeutet; auch ist die Tochter schön und groß geworden, eines solchen Schirmes bedürfte sie nicht mehr.

Vers 5. Ein fürstlicher Ritter kommt vorbei, anstatt der edel-schönen Hand ein Almosen zu reichen, ergreift er sie werbend, der Vater gesteht die Tochter zu.

Vers 6. Getraut, scheidet sie ungern vom Vater; er zieht einsam umher. Nun aber fällt der Sänger aus seiner Rolle, er ist es selbst; er spricht in der ersten Person, wie er in Gedanken Tochter und Enkel segne.

Vers 7. Er segnet die Kinder, und wir argwöhnen, er sei nicht allein der Graf, dessen der Gesang erwähnte, sondern dies seien seine Enkel, die Fürstin seine Tochter, der fürstliche Jäger sein Schwiegersohn. Wir hoffen das Beste; aber bald werden wir in Schrecken gesetzt. Der stolze, hochfahrende, heftige Vater kommt zurück; entrüstet, daß ein Bettler sich ins Haus geschlichen, gebietet er, denselben ins Verlies zu werfen. Die Kinder sind verschüchtert, die herbeieilende Mutter legt ein freundliches Vorwort ein.

Vers 8. Die Knechte getrauen sich nicht, den würdigen Greis anzurühren; Mutter und Kinder bitten, der Fürst verbeißt nur augenblicklich seinen Zorn. (Dies würde auf dem Theater ein glückliches Bild machen.) Aber ein längst verhaltener Grimm bricht los; im Gefühl seiner alten ritterlichen Herkunft hat es den Stolzen heimlich gereut, die Tochter eines Bettlers geehlicht zu haben.

Vers 9. Schmählich verachtende Vorwürfe gegen Frau und Kinder brechen los.

Vers 10. Der Greis, der in seiner Würde unangetastet stehengeblieben, eröffnet den Mund und erklärt sich als Vater und Großvater, auch als ehemaliger Herr der Burg; das Geschlecht des gegenwärtigen Besitzers hat ihn vertrieben.

Vers 11. Die nähern Umstände klären sich auf; eine gewaltsame Regierungsveränderung hatte den rechtmäßigen König, dem der Graf anhing, vertrieben und so auch seine Getreuen, die nun bei wiederhergestellter Dynastie zurückkehrten. Der Alte legitimiert sich dadurch als Hausbesitzer, daß er die Stelle der vergrabenen Schätze anzudeuten weiß, verkündigt übrigens eine allgemeine Amnestie sowohl im Reiche als im Hause, und alles nimmt ein erfreuliches Ende.

Ich wünsche den Lesern und Sängern das Gedicht durch diese Erklärung genießbarer gemacht zu haben und bemerke noch, daß eine vor vielen Jahren mich anmutende altenglische Ballade, die ein Kundiger jener Literatur vielleicht bald nachweist, diese Darstellung veranlaßt habe. Der Gegenstand war mir sehr lieb geworden, auf den Grad, daß ich ihn auch zur Oper ausarbeitete, welche, wenn schon der entworfene Plan teilweise ausgeführt war, doch, wie so manches andere, hinter mir liegenblieb. Vielleicht ergreift ein Jüngerer diesen Gegenstand, hebt die lyrischen und dramatischen Punkte hervor und drängt die epischen in den Hintergrund. Bei lebhafter, geistreicher Ausführung von seiten des Dichters und Komponisten dürfte sich ein solches Theaterstück wohl gute Aufnahme versprechen.

Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832

Das Sonett

Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben
Ist heil'ge Pflicht, die wir dir auferlegen:
Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen
Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben.

Denn eben die Beschränkung läßt sich lieben,
Wenn sich die Geister gar gewaltig regen;
Und wie sie sich denn auch gebärden mögen,
Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben.

So möcht ich selbst in künstlichen Sonetten,
In sprachgewandter Maße kühnem Stolze,
Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen;

Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten,
Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze
Und müßte nun doch auch mitunter leimen.

Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832

Theater

Quomodo fabula, sic vita non quam diu, sed quam bene acta sit, refert
Wie in einem Theaterstück kommt es im Leben nicht darauf an, wie lange es dauert, sondern wie gut es gespielt wird. - Seneca

Vorspiel auf dem Theater - aus Faust I - Johann Wolfgang von Goethe

Über Poetik und Poesie

Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus - Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Distrahit animum librorum multitudo. - Eine Vielzahl von Büchern lenkt ab.
-
Seneca, epistulae morales ad Lucilium

Zum Thema "Anthologie"   - hier nach Christian Morgenstern  ;-)

Anto-logie

Im Anfang lebte, wie bekannt,
als größter Säuger der Gig-ant.

Wobei gig eine Zahl ist, die
es nicht mehr gibt, - so groß war sie!

Doch jene Größe schwand wie Rauch.
Zeit gab's genug - und Zahlen auch.

Bis eines Tages, ein winzig Ding,
der Zwölef-ant das Reich empfing.

Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb? -
Sein Bein wird im Museum gelb.

Zwar gab die gütige Natur
den Elef-anten uns dafur.

Doch ach, der Pulverpavian,
der Mensch, voll Gier nach seinem Zahn,

erschießt ihn, statt ihm Zeit zu lassen,
zum Zehen-anten zu verblassen.

O, Klub zum Schutz der wilden Tiere,
hilf, daß der Mensch nicht ruiniere

die Sprossen dieser Riesenleiter,
die stets noch weiter führt und weiter!

Wie dankbar wird der Ant dir sein,
läßt du ihn wachsen und gedeihn, -

bis er dereinst im Nebel hinten
als Nulel-ant wird stumm verschwinden.

Christian Morgenstern, 1871-1914

 

Des Dichters Klage

Schwer ist's heute, ein Gedicht zu machen,
Darum läßt man es am besten sein;
Wenn die Menschen wirklich drüber lachen,
Sperrt man den Verfasser meistens ein;
Wenn sie sich jedoch in Tränen winden,
Dann verhungert schließlich der Poet,
Deshalb wird man es begreiflich finden,
Daß die Poesie zugrunde geht.

Niemand weiß die Freiheit so zu schätzen
Wie der Dichter oder Redakteur;
Wenn sie ihn in das Gefängnis setzen,
Schreibt er manchmal überhaupt nichts mehr.
Statt in die Geschichte der Kalifen
Oder in die Dame, die er liebt,
Seine schöne Seele zu vertiefen,
Fängt er Fliegen, wenn es welche gibt.

Ließe sich die Allmacht doch erweichen,
Die den Menschen mit dem Fluch bedacht,
Daß er immer über seinesgleichen
Witze, Dramen und Novellen macht!
Zählt die Zuchthaus-Jahre man zusammen,
Die von lyrischen Gedichten her
Und von ähnlichen Verbrechen stammen,
Ein Jahrtausend gibt es ungefähr!

In der Politik, das muß man sagen,
Geht ja freilich alles wie geschmiert:
Unsre Größe liegt der Welt im Magen,
Und damit man gänzlich nicht verliert,
Bleiben Schweine dauernd ausgeschlossen,
Weil man ohnehin genug versaut. –
Fröhlich schnarchen Mirbach und Genossen
Wie vorzeiten auf der Bärenhaut.

Schade nur, daß wir nicht vorgeschritten
In der Politik wie Rußland sind;
Unsre Leute muß man immer bitten,
Bis man ihnen etwas abgewinnt.
Dort hingegen braucht man nur zu sagen:
Liebe Kinder, macht die Börse breit,
Sonst wird euch der Kopf vom Rumpf geschlagen!
Käm' es endlich auch bei uns so weit!

War nicht Bismarck doch ein arger Stümper,
Daß er stets dagegen sich gesträubt?
Wolle Gott, daß nichts von seiner zimper-
Lichen Staatsraison am Leben bleibt!
Nichts als Nörgler hat er uns geschaffen,
Von dem kindlichsten Vertrauen voll;
Dabei stritt er sich sogar mit Pfaffen!
Ist ein solcher Mensch nicht grauenvoll?

Doch ich weiß uns Rat aus der Bedrängnis:
Laßt den Reichstags-Kasten nur in ein
Majestäts-Beleidigungs-Gefängnis
Umgebaut und umgewandelt sein,
Dann sind wir erlöst von allem Bösen;
Tierisch vegetiert des Volkes Sinn,
Und ich bleibe, wie ich stets gewesen,
Ihr devoter Dichter
Benjamin.

Frank Wedekind, 1864-1918