Gedichte-Lyrik-Poesie

Gedichte zu den Lebensaltern und zum Lauf des Lebens,
von der Wiege bis zur Bahre.

"Ein Junger, der nicht kämpft und siegt, hat das Beste seiner Jugend verpasst, und ein Alter, welcher auf das Geheimnis der Bäche, die von Gipfeln in Täler rauschen, nicht zu lauschen versteht, ist sinnlos, eine geistige Mumie, welche nichts ist als erstarrte Vergangenheit. Er steht abseits von seinem Leben, maschinengleich sich wiederholend bis zur äußersten Abgedroschenheit. Was für eine Kultur, die solcher Schattengestalten bedarf!" - C. G. Jung

Gabriela Schlenz - Spirale des Lebens
Spirale des Lebens von Gabriela Schlenz

Gedichte über die ´drei Lebensalter`

Tizian - Allegorie - Die drei Lebensalter

Lebensalter bei Ovid
Das Alter - Johann Wolfgang von Goethe
Die Jahre - Max Dauthendey

Gedichte über Lebensstufen

Das Stufenalter des Menschen
Mit vierzig Jahren - Friedrich Rückert
Schwabenalter - Friedrich Rückert
Hälfte des Lebens - Friedrich Hölderlin
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen - Rainer Maria Rilke
Das Alter - Gotthold Ephraim Lessing
Unterschied der Lebensalter - Christian Friedrich Hebbel
Vor den Thüren - Friedrich Rückert
Rückschau - Heinrich Heine
Ich gehe durch verwirrte, lärmerfüllte Gassen - Max Dauthendey
Das Geisterhaus - Max Dauthendey
Das Leben - Max Dauthendey
Ich will - Friedrich Halm
vereinsamt - Friedrich Nietzsche
Lebensfahrt - Wilhelm Busch
Tears, Idle Tears - Alfred Lord Tennyson
Sage mir, was ist dein Leben - Philipp von Zesen
Wo wird einst des Wandermüden... - Heinrich Heine Grabdenkmal Montmartre
Qu`il vienne ...le temps dont on s`éprenne - Arthur Rimbaud
Abschied - Départ - Arthur Rimbaud
Ausgang - Theodor Fontane
Schlußstrich - Rainer Maria Rilke
Ich bin nicht tot, ich tausche nur die Räume - Michelangelo Buonarroti
Meine Grabschrift - Ferdinand Sauter
Grabschrift - Marie von Ebner-Eschenbach
Psalm 23 - Gott ist mein Hirt - Übersetzung von Moses Mendelssohn

 

Gedichte über Geburt und Kindheit

Kinderreigen - vons Hans Thoma

Die Natur will, daß die Kinder Kinder seien, ehe sie Erwachsene werden
(Jean-Jacques Rousseau, 1712 - 1778)

Nicht das Zeitliche, sondern das Ewige bestimmt die Würde des Menschen. Mit einer Kindheit voller Liebe kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten. Der elterliche Atem soll nur die Zweige zum Fruchtstäuben bewegen, aber nicht den Stamm beugen und krümmen. Nur mit Worten erobert das Kind gegen die Außenwelt eine innere Welt, auf der es die äußere in Bewegung setzen kann. Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden, man muss sie auch gehen lassen.
(Jean Paul, 1763-1825)

Zwar man zeuget viele Kinder,
doch man denket nichts dabei,
und die Kinder werden Sünder,
wenn's den Eltern einerlei. (Wilhelm Busch, 1832 - 1908)

Wer ohne Kinder lebt, der weiß von keinem Leide,
Wer ohne Kinder stirbt, der weiß von keiner Freude. (Deutsches Sprichwort)

Eure Kinder sind nicht eure Kinder - Khalil Gibran
Von Engeln und Bengeln - Joseph, Freiherr von Eichendorff
Storchenbotschaft - Eduard Mörike
Seid leise... - Paula Dehmel
Anziehliedchen - Paula Dehmel
Fränkisches Taufgelöbnis aus dem 9. /10. Jhdt.
Zur Taufe - Theodor Storm
An das Baby - Kurt Tucholsky
Wiegenlied im Freien - Des Knaben Wunderhorn
Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein! - Friedrich Wilhelm Gotter
Abends wenn ich schlafen geh - Des Knaben Wunderhorn
Cradle Song - Alfred Lord Tennyson
Ammen-Uhr - Achim von Arnim
Auf ein schlummerndes Kind - Christian Friedrich Hebbel
Wiegenlied für meinen Jungen - Richard Dehmel
Schlummerlied - Joachim Ringelnatz
Das Kind - Sophie Mereau
Motetto, als der erste Zahn da war - Matthias Claudius
Der erste Zahn - Friedrich Wilhelm Güll
Kind und Traum - Hugo Ball
Kinderlieder - Achim von Arnim
Kinderlied - Max Dauthendey
Lazarus - Richard Dehmel
Das Bad am Samstagabend - Wilhelm Busch
Unter Wasser Bläschen machen - Joachim Ringelnatz
Der Puppenhimmel - Detlev von Liliencron
Aus meiner Kinderzeit - Joachim Ringelnatz
Kind, spiele! - Joachim Ringelnatz
Die ganze Welt - Richard Dehmel
Der Ball - Rainer Maria Rilke
Die Schaukel - Richard Dehmel
Kindergebetchen - Joachim Ringelnatz
Kindersand - Joachim Ringelnatz
Vitzlibutzli - Richard Dehmel
Das richtige Pferd - Paula und Richard Dehmel
Das große Karussell - Richard Dehmel
Der Knabe - Sophie Mereau
Ei der Tausend - Des Knaben Wunderhorn
Die Heinzelmännchen von Köln - August Kopisch
Vatergruß - Richard Dehmel

Meinem Jungen zum ersten Geburtstag

Den ersten Frühling hast Du nun gesehn,
die ersten Blümchen und den ersten Schnee.
Du lerntest auf den kleinen Füßchen gehn und stehn,
erlebtest Deine ersten Freuden und das erste Weh.

Als Du die kleinen Händchen Dir am Ofen hast verbrannt,
da rollten dicke Tränen über Dein Gesicht.
Die Mutter hatte Dich gewarnt und oft ermahnt,
nun zahltest Du das erste Lehrgeld Deines Lebens, kleiner Wicht.

Noch bist Du rein und ohne Argwohn, kleiner Mann,
und gute Hände schützen Dich vor jedem Leid.
Wenn Du dereinst allein bist, denke stets daran:
Wo Schmetterlinge fliegen, sind die Wespen auch nicht weit.

Nun strampelst Du mit Deinen kleinen Beinchen in das zweite Jahr,
steh immer fest darauf – auch wenn wir nicht mehr sind.
Laß Deine Augen immer leuchten froh und sonnenklar
und glaube an das ewig Gute – Du, mein Kind.

Fred Endrikat, 1890-1942

Großmütterchen - Karl Friedrich May
Die Vogelhochzeit - Volkslied

Sägespäne

Wenn man als Kind vor einem Spielzeugladen stand
und sah im Schaufenster die herrlich bunte Pracht,
wie hat vor Sehnsucht da das kleine Herz gebrannt!
Das Kinderauge hat geleuchtet und gelacht.
Ja, das möchte ich so gerne haben,
und auch das da ist so wunderschön.
Das Püppchen und den blonden Knaben,
den Teddybär mit aufzudrehn,
und das und das und noch viel mehr.
Wenn man's dann hat – ja, was ist dann nachher?
Erst freut man sich beinahe bis zu Tränen.
Und was ist dann?
Dann polkt man dran –
und steht vor lauter, lauter Sägespänen.
So ist nun mal das kindliche Gemüt,
es braucht ein bißchen Hoffen und ein bißchen Sehnen.
Wenn man das Spielzeug durch ein Schaufenster besieht,
dann merkt man nichts von all den Sägespänen.

So lang man klein ist, sind die Wünsche auch ganz klein.
Dann wird man größer und will immer mehr und mehr.
Man möcht' gern irgend etwas von Bedeutung sein,
vergessen sind die Puppen und der Teddybär.
Man möcht' gern etwas groß erleben,
man möcht' gern etwas Tolles sehn,
man möcht' den höchsten Ruhm erstreben,
umjubelt vor der Menge stehn,
und Geld und Rang und noch viel mehr.
Wenn man's dann hat – ja, was ist dann nachher?
Erst freut man sich, erreicht ist all das Schöne.
Und was ist dann?
Man schaut es an –
erfüllte Wünsche sind meist Sägespäne.
So ist und bleibt nun mal das alte Lied,
der Mensch braucht Hoffnung und ein kleines bißchen Sehnen.
Wenn man das Leben durch das Schaufenster besieht,
freut man sich an den bunten Sägespänen.

Fred Endrikat, 1890-1942

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ADVICE TO LITTLE GIRLS

Good little girls ought not to make mouths at their teachers for every trifling offense. This retaliation should only be resorted to under peculiarly aggravated circumstances.

If you have nothing but a rag-doll stuffed with sawdust, while one of your more fortunate little playmates has a costly China one, you should treat her with a show of kindness nevertheless. And you ought not to attempt to make a forcible swap with her unless your conscience would justify you in it, and you know you are able to do it.

You ought never to take your little brother's "chewing-gum" away from him by main force; it is better to rope him in with the promise of the first two dollars and a half you find floating down the river on a grindstone. In the artless simplicity natural to this time of life, he will regard it as a perfectly fair transaction. In all ages of the world this eminently plausible fiction has lured the obtuse infant to financial ruin and disaster.

If at any time you find it necessary to correct your brother, do not correct him with mud—never, on any account, throw mud at him, because it will spoil his clothes. It is better to scald him a little, for then you obtain desirable results. You secure his immediate attention to the lessons you are inculcating, and at the same time your hot water will have a tendency to move impurities from his person, and possibly the skin, in spots.

If your mother tells you to do a thing, it is wrong to reply that you won't. It is better and more becoming to intimate that you will do as she bids you, and then afterward act quietly in the matter according to the dictates of your best judgment.

You should ever bear in mind that it is to your kind parents that you are indebted for your food, and for the privilege of staying home from school when you let on that you are sick. Therefore you ought to respect their little prejudices, and humor their little whims, and put up with their little foibles until they get to crowding you too much.

Good little girls always show marked deference for the aged. You ought never to "sass" old people unless they "sass" you first.

Mark Twain, 1835-1910

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Aus Kinderspielen lernen

Das Spiel des Lebens ist kein Kinderspiel, und doch: was ist es sonst? Wer wie ein Kind zu spielen versteht, versteht zu leben. Wer gespielt hat, hat gelebt. Man sagt uns, die Gesellschaft folge festen Regeln: solchen, die sie ständig ändert oder erst erfindet wie ein Kind. Schlachtfelder der Geschichte, Sandkästen der Kinder. Im Streit um nichts ist Schlichtung alles. Wenn der Außenminister ein Kinderpsychologe ist, kommen wir dem Frieden ohne Waffen näher. Das Leben hat gewonnen, wer alles außer sich verlieren kann. Eines fällt wohl jedem, nicht nur Kindern, schwer: andere im Spiel gewinnen lassen. Gewonnen hat, wer auf Gewinn nicht angewiesen ist.

(Mit frdl. Erlaubnis: © Heinz Hector)

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Gedichte über die Jugend, Schulzeit, Studentenzeit...

Der Gott der Jugend - Friedrich Hölderlin
Träume der Jugend - Johann Gottfried Herder

So war es einmal - Schulgedichte von früher:
Kindergedichte — Schulgedichte

The schoolboy - William Blake
Max und Moritz - Erster Streich - Wilhelm Busch
Sexuelle Aufklärung - Ludwig Thoma
Komm, sprach das Mädchen, setze dich - Friedrich Rückert

Das Schlossgespenst - Isabella Braun

Aus der Studentenzeit ... einige traditionelle Studentenlieder

Das Schlüsselloch

Das Schlüsselloch, das im Haustor saß,
Erlaubte sich nachts einen Spaß.
Es nahten Studenten
Mit Schlüsseln in Händen.
Da dachte das listige Schlüsselloch:
Ich will mich verstecken,
Um sie zu necken!

Worauf es sich wirklich seitwärts verkroch.
Alsbald nun tasteten die Studenten
Suchend,
Fluchend,
Mit Händen
An Wänden.
Und weil sie nichts fanden, zogen sie weiter.
Schlüsselloch lachte heiter.

(Die Herren erreichten ihr Zimmer nimmer.
Eigentlich war die Sache noch schlimmer.
Ich selbst war nämlich bei den Studenten -
Doch lassen wir es dabei bewenden.) - Joachim Ringelnatz, 1883-1934

Der Geist von Würzburg - Emanuel Geibel

Der wandernde Student - Joseph, Freiherr von Eichendorff
Das Ständchen - Joseph, Freiherr von Eichendorff
Das Magisterexamen - Heinrich Christian Boie
Als ich schlummernd lag heut Nacht - Gaudeamus igitur...
Die Gedanken sind frei...
Brüder, reicht die Hand zum Bunde - Johann Gottfried Hientzsch
In allen guten Stunden - Bundeslied - Johann Wolfgang von Goethe
Was die Welt morgen bringt... - Rudolf Baumbach
Keinen Tropfen im Becher mehr - Rudolf Baumbach
Im tiefen Keller sitz ich hier - Karl Müchler
Dort Saaleck, hier die Rudelsburg
- Hermann Allmers
Heidelberg du Jugendbronnen - Albrecht Graf Wickenburg
O alte Burschenherrlichkeit - Eugen Höfling
Frankenlied - Joseph Victor von Scheffel
Schlägerlied - Wilhelm Hauff

Der alte Archivar - August Sperl, 1862-1926

...kann doch auch mal passieren ;-)

Errare humanum est

Quitschfidel, mit roter Nase,
Seh ich Kunze gehn.
Warum bleibt er plötzlich mitten auf der Straße
Stehn?
Warum runzelt er die Brauen?
Warum mag er so entsetzlich
Schmerzlich himmelaufwärts schauen?
Warum wird er plötzlich
Blaß?
Oh, nun weiß ich was - - -
Er erblickt mich, winkt. - Fatal!
"Servus, armer Kunze! - eilt! - ein andermal!"

Kalte, falsche, rücksichtslose
Freunde hat die Unterhose.

Joachim Ringelnatz, 1883-1934

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Reife

Wenn man nicht mehr weinen und nicht mehr beten kann,
dann ist das Herz nur ein Lederlappen aus lauter Sehnen.
Das Blut fängt in den Adern zu verwässern an.
Man betet ohne Worte, und man weint ohne Tränen.
Wie der Mond, der durch den einsamen Abend geht,
ohne Wärme und Leben zu spenden.
Wie ein gebeteter Fluch oder ein gefluchtes Gebet,
mit gefalteten Fäusten oder mit geballten Händen.
Wenn man all den seelischen Krempel abgetan,
wenn man dem Gewissen einen Fußtritt gegeben,
wenn man nicht mehr weinen und nicht mehr beten kann –
dann ist man reif für den Tod oder dieses Leben.

Fred Endrikat, 1890-1942

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Wein

Der beste Wein - Heinrich Seidel

Gedichte über Tanz, Spiel und Lebensfreude - Lieder, bekannte Volksweisen

Bald ist unsers Lebens Traum zu Ende

Bald ist unsers Lebens Traum zu Ende,
Schnell verfließt er in die Ewigkeit.
Reicht zum frohen Tanze euch die Hände!
Tut's geschwinde; sonst enteilt die Zeit! - Theodor Storm,1817-1888

Der Tanz - Sabina Schrenker
Der Tanz
  © Sabina Schrenker

Wild, unbändig, sanft und leise,
Bewegungen der Körper,
die sinne im Traume schwebend,
leicht fließend, abrupt,
der Musik gehorchend,
wie sie bewegen lässt,
schön, derb, ekstatisch, beruhigt,
wie es der Geist erlaubt.
Gefangen im Taumel der Melodie,
weg von hier und gestern,
losgelöst, leicht, befreit.
- Bild und Gedicht © Sabina Schrenker, Würzburg

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Gruß

Ich weiß ein allerliebstes Kind,
Ein Kind, wie selten Kinder sind,
Mit schwarzem Auge, schwarzem Haar,
An Wuchs und Haltung wunderbar!
's ist nicht zu groß und nicht zu klein,
's ist nicht zu dick und nicht zu fein,
Es singt und springt und tanzt und lacht,
Hat manchen schon verrückt gemacht.

Frank Wedekind, 1864-1918

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Junges Blut

Tanz, mein Liebchen, so wild du
Tanzen kannst, tanzen kannst!
Hurtig tummle dich, wie kein
Satan tanzt, Satan tanzt!
Wirf dir übern Kopf die Schuh,
Wirf dein Röckchen auch dazu!
Schlenkre Fuß und
Waden ohne Ruh!

Bis es knackt, schwing exakt
Auch im tollsten Takt
Hurtig, wie vorher nie,
Deine weißen Knie!
Lustbeflügelt derweil
Zucht dein Hinterteil.
Frisch fang an, heißer dann,
Als dein erster Tanz begann!

Frank Wedekind, 1864-1918

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Modernes Mädchen

Das ist einfach wundervoll
In unsern Tagen,
Daß man wieder tanzen soll,
Nicht nur sich plagen!

Früher bei der Handarbeit
Die schweren Glieder;
Heut streckt man sich immer wieder
Recht lang und breit.

Ging sonst ein Mädchen schwärmen,
Was gab's für ein Geschrei,
Ein Härmen, ein Lärmen,
Als wär's mit ihr vorbei.

Wenn heut die Pauken dröhnen,
Dann tanzt das Mädchen nackt.
Die Schönen gewöhnen
Sich dran in jedem Takt.

Weil kein Weib edlere Waffen hat
Im Kampf um irdisches Glück,
Als wie sie der Himmel geschaffen hat
Als höchstes Meisterstück.

Wenn's der Teufel auch streng betreibt,
Daß man zimperlich zu Hause bleibt,
Rastlos stürmen doch Weib und Welt
Immer vorwärts, wie's Gott gefällt.

Denn die Welt wie das Weib zeigt ganz
Die gleiche höchste Präponderanz
Zum Tanz.

Frank Wedekind, 1864-1918

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Auf eigenen Füßen – Donnerwetter

In der Jugend früh'ster Pracht
Tritt sie einher – Donnerwetter,
Nur von Eitelkeit erfüllt,
Das Herz noch leer – Donnerwetter,

Ganz mit frühlingsfrischen Reizen
Angetan – Donnerwetter,
Und erblickt in allen Männern
Nur den Mann – Donnerwetter!

Donnerwetter, zeigt der Gang,
Donnerwetter, Überschwang!
Donnerwetter, diese Glieder,
Donnerwetter, welch ein Fang!

Donnerwetter, erst im Traum,
Donnerwetter, gibt sie kaum
Ihrer Neigung hin und wieder
Etwas Raum – Donnerwetter!

Donnerwetter, aber plötzlich
Drängt die Leidenschaft zum Ziel.
Donnerwetter, hochergötzlich,
Donnerwetter, wird das Spiel!

Donnerwetter, sinkt zurück,
Donnerwetter, voller Glück
Sie zum ersten Male nieder,
Welch ein Blick – Donnerwetter!

Juchhei, hallo,
Wie fühlt die Maid sich froh!
Hallo, juchhei,
In ihres Lebens Mai!

Wenn auch der Mai mit Sturm begann,
Lustig geht's fortan:
Heute mit den Fürstenkindern,
Morgen mit den Bürstenbindern.

Wild saust sie durchs Leben dann,
Donnerwetter, unter Jubel und Geschrei –
Juchhei!
Wie kühn sie's ersann,
Wie klug sie's gewann,
Voll Grauen erzählt's so mancher Mann –
Donnerwetter!

Frank Wedekind, 1864-1918

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Aus dem Ballsaal:
Über Tanz und Lebensfreude - Aurelius Augustinus zugeschrieben
Der Tanz - Friedrich von Schiller
Die spanische Tänzerin - Rainer Maria Rilke
Hyazinthen - Theodor Storm
Ballmusik - Ludwig Tieck
Im Tanz - Georg Heym
Tango - Klabund
Der Tanz - Ludwig Thoma
Tango - Ludwig Thoma

Kartenspiel

Sonette des Spielers - Klabund

Deutsche Volkslieder - eine kleine Auswahl, illustriert mit Motiven des Malers Paul Hey, mit frdl. Genehmigung
von Frau Prof. Dr. Sabine Giesbrecht, aus ihrer großen historischen Bildpostkartensammlung der Universität Osnabrück

Ännchen von Tharau
Alles neu macht der Mai
Am Brunnen vor dem Tore
Das Wandern ist des Müllers Lust
Guter Mond, du gehst so stille
Horch, was kommt von draußen rein
Im Krug zum grünen Kranze
Keinen Tropfen im Becher mehr
Nun ade du mein lieb Heimatland
Sah ein Knab ein Röslein stehn
Wenn wir durch die Straßen ziehen
Wohlauf, noch getrunken den funkelnden Wein

Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus ... (Friedrich Schiller)

Dieses Haus steh in Gottes Hand.
Herr bewahr es vor Feuer und Brand,
und alle, die gehen aus und ein,
lass dir, o Herr, befohlen sein. (Volksgut)

Zimmerspruch - Ludwig Uhland

Giebelspruch

O lieber Gott, mein Haus beschütz
vor Dieben, Wanzen, Sturm und Blitz.
Oh, halte fern vom Leibe mir
den Doktor und Gerichtsvollzieh'r.

Fred Endrikat, 1890-1942

Salz und Brot - Friedrich Rückert
Das alte Haus - Christian Friedrich Hebbel

Es wird ein neues Haus gebaut

Es wird ein neues Haus gebaut,
das Fundament ist schon gelegt.
Hier wird nicht müßig zugeschaut.
Hut ab vor dem, der Steine haut,
der Balken schleppt und Ziegel trägt.

Es wird ein neues Haus gebaut,
darin ist Platz für jedermann,
dem nicht vor schwerer Arbeit graut.
Wer aber nur auf Gott vertraut,
der steht als Zaungast nebenan.

Es wird ein neues Haus gebaut,
das sturmfest ist auf jeden Fall.
Auf weitem Felde wächst das Kraut.
Im Speicher wird das Korn verstaut.
Die Schweine kommen in den Stall.

Fred Endrikat, 1890-1942

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Das Haus bleibt rein

Das Haus ist rein. Die Fensterscheiben glänzen.
Die Betten sind zum Lüften ausgelegt.
Die Kellerasseln und die Wanzenpestilenzen,
die Motten und Schmarotzerexistenzen
sind ausgeräuchert und barbarisch ausgefegt.

Das Haus ist rein. Selbst in dem fernsten Plätzchen
nicht eine Spinne ihre Netze spinnt.
Sitzt irgendwo versteckt im Loch ein Rätzchen,
nur Ruhe – bald frißt es das Kätzchen.
Durch alle Räume weht ein frischer Wind.

Das Haus bleibt rein von jedem fremden Wesen.
Ehrliche Gäste haben wir hier gern.
Doch an der Pforte steht ein Eisenbesen,
am Giebel steht in großer Schrift zu lesen:
Herr, halte uns das Ungeziefer fern!

Fred Endrikat, 1890-1942

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Kleiner Haushalt

Einen Haushalt klein und fein
Hab' ich angestellt;
Der soll mein Freund sein,
Dem er wohlgefällt.

Der Specht, der Holz mit dem Schnabel haut,
Hat das Haus mir aufgebaut;
Daß das Haus beworfen sei,
Trug die Schwalbe Mörtel bei,
Und als Dach hat sich zuletzt
Obendrauf ein Schwamm gesetzt.

Drinnen die Kammern
Und die Gemächer,
Schränke und Fächer,
Flimmern und flammern;
Alles hat mir unbezahlt
Schmetterling mit Duft bemalt.

O wie rüstig in dem Haus
Geht die Wirtschaft ein und aus.

Wasserjüngferchen, das flinke,
Holt mir Wasser, das ich trinke;
Biene muß mir Essen holen,
Frage nicht, wo sie's gestohlen.

Schüsseln sind die Eichelnäpfchen,
Und die Krüge Tannenzäpfchen,
Messer, Gabel,
Rosendorn und Vogelschnabel.

Storch im Haus ist Kinderwärter,
Maulwurf Gärtner,
Und Beschließerin im Häuslein
Ist das Mäuslein.

Aber die Grille
Singt in der Stille,
Sie ist das Heimchen, ist immer daheim,
Und weiß nichts als den einen Reim.

Doch im ganzen Haus das beste
Schläft noch feste.

In dem Winkel, in dem Bettchen,
Zwischen zweien Rosenblättchen,
Schläft das Schätzchen Tausendschönchen,
Ihr zu Fuß ein Kaiserkrönchen,
Hüter ist Vergißmeinnicht,
Der vom Bette wanket nicht;
Glühwurm mit dem Kerzenschimmer
Hellt das Zimmer.

Die Wachtel wacht
Die ganze Nacht,
Und wenn der Tag beginnt,
Ruft sie: Kind! Kind!
Wach auf geschwind.

Wenn die Liebe wachet auf,
Geht das Leben raschen Lauf.

In seidnen Gewändern,
Gewebt aus Sommerfaden,
In flatternden Bändern,
Von Sorgen unbeladen,
Lustig aus dem engen Haus
Die Flur hinaus.

Schönen Wagen
Hab' ich bestellt,
Uns zu tragen
Durch die Welt.

Vier Heupferdchen sollen ihn
Als vier Apfelschimmel ziehn;
Sie sind wohl ein gut Gespann,
Das mit Rossen sich messen kann;
Sie haben Flügel,
Sie leiden nicht Zügel,
Sie kennen alle Blumen der Au',
Und alle Tränken von Thau genau.

Es geht nicht im Schritt;
Kind, kannst du mit?
Es geht im Trott!
Nur zu mit Gott!

Laß du sie uns tragen
Nach ihrem Behagen;
Und wenn sie uns werfen vom Wagen herab,
So finden wir unter Blumen ein Grab

Friedrich Rückert, 1788-1866

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Das Alter

Im Alter - Karl Friedrich May
Winter - Adelbert von Chamisso

 

Gedichte über Schlaf, Traum und Tod ...und das Leben danach

Das Tor der Träume

In sanften Angeln geht das Tor der Träume;
Mit Fingern eines Blinden tastest du
Dem leichten Riegel an dem Tore zu
Durch lange Gänge und durch weite Räume.

Im offnen Tor der Wunder und der Träume
Wird leicht dein Fuß, als trüg' er Flügelschuh',
Und auf beglückten Sohlen wandelst du,
Verwirrt und klar, im Schatten heiliger Bäume.

Der Garten winkt; das Paradies! Und hier -
Eva, bist du's? Mein Wunsch, mein Traum, mein Glück,
Im schlanken Ebenmaß der jungen Glieder? -

"Ich bin's!" - Ein Wirbelsturm reißt dich zu ihr
Und hebt dich hoch und schleudert dich zurück, -
Und vor dem Tor der Träume sinkst du nieder! - Hugo Salus, 1866-1929

Rainer Lischeski: Schwarzbunte Träume
Schwarzbunte Träume - © Rainer Lischeski

An die Stille - Friedrich Hölderlin
La notte - und - Schlaf ist mir lieb...ich bin nicht tot - Michelangelo Buonarroti
An den Schlaf - Johann Wolfgang von Goethe
Schlaf und Tod - Johann Gottfried Herder
Care-charming Sleep - John Fletcher
Ein Traum - Johann Peter Uz
Zauberblick - Joseph, Freiherr von Eichendorff
Hörst du wie die Brunnen rauschen...? - Clemens Brentano
Wenn kühl der Sommermorgen - Hugo von Hofmannsthal
Im süßen Traum, bei stiller Nacht - Heinrich Heine
The angel - William Blake
Träume - Mathilde Wesendonck
An die Träume - Sophie Albrecht
Wenn der lahme Weber träumt - Clemens Brentano
Après un rêve - Romain Bussine
Ein Erwachen - John Henry Mackay
Im Traum - Karl Friedrich May
Träume in Hellblau- Georg Heym
Oui, je suis le rêveur - Victor Hugo
Traumengel

Heut hat Traumkönigin die lichten
Traumenglein in die Nacht geschickt,
Die wissen Träume zu erdichten,
Vom Baum der Wünsche abgepflückt.

Nun flattern sie durch alle Gassen.
"Wo fliegst du hin?" - "Zu einem Kind."
"Und du?" - "Ich darf mich niederlassen,
Wo ich ein willig Ohr mir find'!"

Husch hier, husch dort! An tausend Ohren
Erklingt der holde, süße Trug.
Ein Engel nur fliegt noch verloren,
Ihm scheint kein Schläfer wert genug.

Da, wie er durch den Mondschein gleitet,
Bannt ihn an einem Giebelhaus
Ein dunkles Fenster. Weh, da breitet
Ein andrer schon die Flügel aus.

"Laß mich hier meinen Träumer finden!"
Doch Amor lacht: "Den schirme ich!
Dem mußt du keine Märchen künden!
Er liebt! Der träumt auch ohne dich!"

Hugo Salus, 1866-1929

Traumfabrik Kino - oder: Die Macht der Bilder

schlaflose Nächte

Schlaflos - Theodor Storm
Dicker roter Mond - Paul Scheerbart
Schlaflose Nacht - Nikolaus Lenau
Schlaflose Nacht - Klabund

Ein Traum ist unser Leben...

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben
Auf Erden hier;
Wie Schatten auf den Wogen schweben
Und schwinden wir
Und messen unsere trägen Schritte
Nach Raum und Zeit
Und sind, wir wissen´s nicht, in Mitte
Der Ewigkeit. - Johann Gottfried von Herder, 1744-1803

Krankheit und Tod

Wenn wir aus dieser Welt durch Sterben uns begeben,
So lassen wir den Ort, wir lassen nicht das Leben. - Nikolaus Lenau

Der Tod, der die Geburt ist in ein höhres Leben,
Ist auch wie jegliche Geburt mit Weh umgeben.
Als wie ein Kindlein tritt in diese Welt mit Klagen,
Aus dieser so die Seel` in jene mit Verzagen.
Wie schwer das Kindlein sich entwand dem Mutterschoß,
So ringt die Seele sich aus diesem Leibe los.
Doch wie ein Kindlein nun, gewöhnt der neuen Lust,
Nicht mehr zurück zum Schoß sich sehnet von der Brust;
So wird die Seele bald, von höherm Licht umfangen,
Zum dunkeln Aufenthalt nicht mehr zurück verlangen. - Friedrich Rückert, 1788-1866

Rainer Lischeski: Totentanz
Totentanz - © Rainer Lischeski

Der Tod - Andreas Gryphius
Die Pest - Friedrich Schiller
Der gute Kamerad - Ludwig Uhland
Gefangen - Kaiserin Elisabeth (Sissi) an König Ludwig II von Bayern 1886
Die Tote im Wasser - Georg Heym
Der Tod und das Mädchen - Matthias Claudius
Totengräberlied - Ludwig Christoph Heinrich Hölty
Lied der Toten - Novalis
danse macabre - Charles Baudelaire
Der Engel - Mathilde Wesendonck .

Es wandelt, was wir schauen

Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb' es doch auf Erden,
Wer hielt' den Jammer aus,
Wer möcht' geboren werden,
Hielt'st Du nicht droben Haus!

Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Dass wir den Himmel schauen -
Darum so klag' ich nicht.
- Joseph Freiherr von Eichendorff, 1788-1857

-

Weil` an den Gräbern nur und pflanze Rosenhecken!
So denkst du an den Tod, und er wird dich nicht schrecken.
Wenn dir ein lieber Freund hinweg gestorben ist,
Denk: eine Tagesreis` ist dieses Lebens Frist.
Nun, dein Gefährte ging ein Streckchen nur voraus
Und um so früher ist er angelangt zu Haus.
Was klagest du, daß ihn die Herberg` aufgenommen?
Geh nur des Wegs getrost! Bald bist du nachgekommen.
- Friedrich Rückert, 1788-1866

Grabschrift

(Auf einem Grabstein im Kirchhof von Melrose-Abbey.)

Erde gleißt auf Erden
In Gold und in Pracht;
Erde wird Erde
Bevor es gedacht;

Erde thürmt auf Erden
Schloß, Burg, Stein;
Erde spricht zu Erde:
Alles wird mein.

Theodor Fontane, 1819-1898